First comprehensive monograph



publisher: Ines Goldbach



Published by Christoph Merian Verlag


http://www.merianverlag.ch

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Scrap - Exploring the edge



A film by Angelo A. Lüdin


Trailer:
http://www.vimeo.com/235326163

film: available soon

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Exhibition text

reverberate


Solo exhibition at STAMPA Galerie Basel


Basel, 6 September - 26 Oktober 2019

Landscape 16 | 2019 | analog collage on canvas | 240 x 480 cm | three parts | detail

Das künstlerische Medium von Sabine Hertig (*1982) ist die analoge Collage. Als Bildquellen dienen ihr die zeitgenössischen Informationsmedien und allem voran die klassischen Print- medien. Seit nunmehr 10 Jahren studiert sie ebenso intensiv wie akribisch deren scheinbar unerschöpflichen Bilderfundus auf der Suche nach neuen Bildzusammenhängen und spannungs- reichen Dialogen, im paradoxen Wissen, dass diese künstlerische Aneignung und Verfremdung zugleich Bewahrung bedeutet: „Es ist die Faszination am Bild an sich, die mich antreibt,
mich in diesen Bilderfluss zu begeben und auf ihn zu reagieren. Es ist auch der Versuch, den historischen, archivierten Bildern wieder einen Wert zurückzugeben, indem sie in ein neues Ganzes eingebunden und damit in eine Zeitgenossenschaft geführt werden.“

In ihrer dritten Einzelausstellung bei STAMPA setzt Sabine Hertig diesen bildgewaltigen Dialog nun in Form von neuen, noch malerischer wirkenden Collagen in Farbe und einem umfang- reichen Konvolut an Schwarz-Weiss-Kompositionen fort. Zu letzteren zählt die monumentale Arbeit Landscape Nr. 16, die sich im gleichnamigen Werkzyklus an die Landscapes Nr. 13-15 anschliesst und – im Sinne des Ausstellungstitels „reverberate“ (widerhallen, zurückstrahlen) – auf diese ‚nachhallt'. Dies im übertragenen wie im räumlichen Sinne, sind die medialen Ruinenlandschaftender Künstlerin doch zeitgleich im Kunsthaus Baselland im Rahmen der Gruppenausstellung „Zeit/Ge/Schichten“ zu sehen.

In ihrer klaren Komposition, Lichtführung und eindringlichen Tiefenperspektive lassen Hertigs grossformatige Collagen unvermittelt an Malerei denken. In der Nahsicht entfalten sich dann aber detailreiche Bilderkosmen, in denen unzählige Einzelgeschichten in einer opulenten Bilder- flut malerisch verdichtet sind:

„Alles entsteht analog mit Schere und Leim.(...) Die Monumentalcollagen muss ich immer wieder auf Distanz in Bezug auf die Einheitlichkeit und Komposition überprüfen.

Man kann sagen, dass sie aus einer malerischen Haltung heraus entstehen, indem ich jedes Bildfragment erstmal auf seinen Tonwert überprüfe. Dabei achte ich in der Anfangs- phase nicht auf das auf dem Bildteil zu sehende Motiv, sondern versuche es ungegenständlich zu betrachten, ähnlich wie einen Farbfleck. Es folgt ein langer zeitlicher Weg, der auf Aktion und Reaktion basiert. (...) (Ich) lege den Fokus bei all meinen Collagen auf ein Endbild, das sich zum Schluss des Prozesses eröffnet: eine auf Distanz in sich geschlossene räumliche Collage (...) Es geht um Landschaften, es geht um innen und aussen (...) Insofern spielt das Moment des ‚Sich-darin-Verlierens‘ und die damit verbundene ‚Schärfung des Blickes‘ auf Distanz (...) für mich als Künstlerin beim Machen eine Rolle. Dies mag sich auch auf das Gegenüber beim Betrachten übertragen.“

In diesem Spannungs- bzw. ‚Echoraum‘ ist der Standpunkt des Betrachters somit entscheidend für die Wahrnehmung der Werke und wird bereits in den Schaffensprozess miteinbezogen: „In einer fortgeschrittenen Arbeitsphase nehme ich die Inhalte auf den einzelnen Bildteilen (...) dann immer mehr zur Kenntnis, setze sie bewusst im Bild ein (...) Ich sehe in diesem Moment die Collage als Werkzeug des Denkens und nicht als Mittel, alles, was mich umgibt, einfach nur absichtslos und additiv aneinanderzureihen. (...) Hier sehe ich die Möglichkeit, dass sich die Inhalte in der Nahsicht aneinander zu reiben beginnen. Erst dann entsteht für mich ein Diskussionsfeld, bei dem es möglich ist, Inhalte grundsätzlich zu überprüfen und zu hinter- fragen (...) Es geht um eine Verarbeitung von bestehenden Bildern in neuen Bildern und um die Überwindung von deren Inhalten auf Distanz.“
Und Sabine Hertig geht noch weiter.

Bei ihren jüngsten Schwarz-Weiss-Collagen setzt sie nun auch Schleifpapier als ‚zeichnerische Geste‘ ein. Es ist ein Pendeln zwischen Figuration und Abstraktion, das immer stärker auftritt und mitunter in der Bildzerstörung endet. In diesem Wechselspiel (‚Nachhallen') von Collage, Malerei und Zeichnung erweitert die Künstlerin einmal mehr die formalen Grenzen der Collage und gelangt zu neuen, überraschenden Bildfindungen. So erscheinen ihre atmosphärisch anmutenden Farbcollagen, obgleich sie aus heterogenen Bildwelten bestehen, als malerisches Ganzes und scheinen auch nichts anderes sein zu wollen. Die Kombination von scharfen und unscharfen Bildpartien verweist zudem auf Kompositionsmittel der Fotografie.

Mit ihren Werkzyklen windows, reflections und mirrors begeht Hertig schliesslich auch thema- tisches Neuland in "reverberate": Spiegel enthüllen und täuschen, versprechen und demontieren zugleich. Hier funktionieren sie aber nicht als Reflektoren oder Abbilder, sondern als virtuelle Bruchstellen zwischen Innen- und Aussenräumen. Im Gegensatz zu diesen ‚Bildschirmen‘ kurz vor der Implosion, ist der Durchbruch in den windows bereits in vollem Gange. Hier sind wir mit Ausnahmezuständen poröser Innenwelten konfrontiert, die ständig von aussen durchdrungen werden und in ihrer überbordenden Ordnungslosigkeit auf uns zurückstrahlen – ebenso aus- ufernde wie intime Welten, in die es einzutauchen gilt.

(Künstlerzitate aus: „Sabine Hertig im Gespräch mit Ines Goldbach“ / Sabine Hertig – Scrap / 2018)

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Porträt im Artline Magazin

Die Basler Künstlerin malt mit Bildern zeitgenössischer Reizüberflutung


Artline Magazin / Oktober 2019


von Annette Hoffmann

Ausstellung Scrap l

Irgendwann braucht es dann einfach den Besen. Sabine Hertigs Werke produzieren zu ihren Füßen riesige Papierberge, ganze Höhenzüge haben sich in ihrem Atelier auf dem Dreispitz ausgebildet.
Da hilft es, alles mal zusammenzufegen. Erst wenn man die Massen an Papier in Angelo Alfredo Lüdins Film „Sabine Hertig. Scrap. Exploring the Edge“ gesehen hat, versteht man die Bedeutung des Analogen für ihre Collagen. Wo gehobelt wird, fallen viele Späne. In Basel kann man das Werk von Sabine Hertig (*1982) derzeit gleich an zwei Orten erleben. In ihrer dritten Einzelausstellung in der Galerie Stampa sind neue farbige Collagen und Schwarz-Weiß-Kompositionen zu sehen und im Kunsthaus Baselland drei Großformate. Diese drei „Landscapes“ stehen im Kontext der Gruppenschau „Zeit/Ge/Schichten. Von kollektiven und persönlichen Narrationen“. Viele Erzählungen sind in das Sediment von Hertigs Bilder eingesunken, geht man näher, glaubt man, es hätte so manches individuelle Leben zermalmt.

Den Bezug zum Außen hatten die Collagen der Basler Künstlerin, die an der HGK Kunsterziehung studiert hat, immer schon. „Hier findet Welt statt“ hieß eine Arbeit, die 2013 in der ersten Ausstellung in ihrer Galerie zu sehen war. Der Satz war in das Papier perforiert. Und wenn die ersten Arbeiten überwiegend farbig und wie ein Strudel um eine leere Mitte organisiert waren, sind die Kompositionen komplexer geworden.

Nicht grundlos betont Sabine Hertig die Materialität ihrer Arbeiten. Sie müsste sich nicht die Mühe machen, sich mit großer Papierschere und einer beeindruckend skrupellosen Verve durch die Bilderberge zu schneiden. Sie könnte es auch leichter haben und alles am Bildschirm arrangieren. Tatsächlich braucht sie den Computer in ihrer Arbeit als Medium der Bildentstehung und ständiger Überprüfung. Die Bedeutung des Analogen und des Materials zu übersehen, hieße jedoch auch ihren eigentlichen Charakter zu missdeuten. Hertig versteht ihre Arbeiten als Bilder und als Malerei. Die Leinwände sind grundiert und mit einer meist anthrazitfarbigen Schicht versehen, auf die sie die Grundkomposition zeichnet. Die ersten Setzungen geschehen meist mit ganzen Seiten, dann wird es Schicht um Schicht differenzierter und die Schere kommt zum Einsatz. Hertig dürfte für jeden Bibliothekar eine Herausforderung sein, sie füllt ihren Warenkorb mit Motiven. Alles ist für sie interessant, alte Du-Hefte, Kunstgeschichtliches wie Zeitgeschichtliches. Wer näher hintritt, erkennt viele vergangene Katastrophen, aber auch Körper, denen sie kurzerhand den Kopf abschneidet. Alles ist der Dynamik der Komposition unterworfen, im Detail jedoch wiederholt sich die Sprengkraft zeitgenössischer Bilderflut. Man kann von diesem rasenden Stillstand durchaus überwältigt werden.

Was der Film von Angelo Alfredo Lüdin zeigt, der die Künstlerin ein Jahr lang immer wieder in ihrem Atelier besuchte: Sabine Hertig nimmt ständig Maß, sucht den Abstand, um im Detail nicht die Struktur zu verlieren. Über die letzten Jahre sind die Landschaften rhythmischer geworden. Sie arbeitet an einem Mahlstrom der Geschichte. In den neuen Arbeiten wirken die Kompositionen noch fragmentierter, Rahmen sind eingebaut, über die der Bildkosmos hinweggeht, Reflektionen und Spiegelungen, die alles einer erneuten Prüfung unterziehen.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Exhibition text

Sabine Hertig SCRAP


Solo exhibition at STAMPA Galerie Basel


Basel, 5 april - 28 may, 2016

Ausstellung Scrap l
"Sabine Hertig SCRAP" | STAMPA Galerie Basel | 2016

"Ce n'est pas la colle qui fait le collage" hielt der Surrealist Max Ernst als sein eigener Theoretiker fest. Aber was, wenn nicht der namengebende Leim, macht denn die Collage aus? Wo liegt das Geheimnis dieser modernen Schlüssel-Kunsttechnik par excellence, ihrer multimedialen Reize, ihres Transformationsvermögens, ihres subversiven Willens zur Ver(un)edelung ihrer Stoffe? Woher rührt die Bedeutungsmacht eines aus Fragmenten collagierten Ganzen, egal ob es sich dabei um Ernsts tüftelnde Sinn­konstruktionen oder um die „automatische“ Bedeutsamkeit ruinöser Plakatwände der Situationisten handelt? Neue Antworten auf diese alte Fragen findet, wer sich durch die Ausstellung Scrap von Sabine Hertig zu Bildbefragungen inspirieren lässt – auf das Risiko, dass sich solches Tun leicht zur Selbst-(Wahrneh­mungs-)Befragung weiten können.

Denn die Collage ist eine Kunst der Artefakte und der Bildgrenzen. Ihr buchstäblicher Witz liegt im Spiel mit den Grenzen der Sichtbarkeit und der Sichtbarkeit der Grenzen: Wer heute am Computer die Bildkanten der konstituierenden Fragmente wegretu­schiert, löst damit auch die Collage selber auf, und mit ihr die Haltung als eigene Mal-, Denk- und Handlungsform. Hertig entzieht sich dem Trug digitaler Verlockungen, um aber dennoch die analogen Möglichkeiten zur Grenz­auflösung ihrer Bildfetzen weit über das auszureizen, was in der Collagekunst bis anhin üblich war: Sie zerschnipselt ihr Ausgangsmaterial nämlich nicht entlang der verblei­benden Konturen der Figur- oder Bedeutungsfragmente, sondern so, dass sich die Kanten hinter den behaupteten Licht- und Schattenflächen der konstruierten Szenerie – zumindest aus Distanz – verbergen.

Im Unterschied zum Mosaikstein, zur pointillistischen touche de couleur, aber auch zu Rasterpunkt oder Pixel tragen ja die allermeisten „Scraps“, aller Zerlegung zum Trotz, noch immer Reste von eigenständiger Bedeutsamkeit in sich. Und diese Bedeutungs­krumen sind es, die sich im neuen Kontext der Collage unterschichten, überlagern und zerreiben, ohne sich je zum Zeichenbrei zu homogenisieren. Collagen frottieren nämlich neben dem brachial bearbeiteten Material zugleich auch das kritische Auge des Betrachters. Die Collage flottiert damit souverän zwischen grober Analyse und subtiler Synthese, genauer: zwischen den Behauptungen von Un- und -Sinn namentlich in unseren Kategorien von Wahrnehmung und Wertung. Auch diesbezüglich betritt Hertig mit ihren Bildraum schaffenden Collagen Neuland, dies dank ihrer Begabung, im Detail des flachen Fetzens das neue Ensemble räumlich mitzudenken und umgekehrt in der zu konstruierenden Totale den alten Scrap-Kontext aus DU-Heften, Kochbüchern oder Bildtreibgut aus dem Internet dennoch im Auge zu behalten. Wer sich vor die teils grossflächigen Klebemalerei-Panneaux stellt, taucht denn auch, mit zunehmendem Abstand, in drei unterschiedliche Bildräume ein, die sich alsbald zum impliziten Vorder-, Mittel- und Hintergrund spiegeln: Wir bewegen uns von einem Vexier- in ein Magic-Eye-3D-Bild und schliesslich in ein abstrakt gezähmtes Wimmelbild voller Anmutungen von heroischen Strudel- oder Höhlenlandschaften.

Anders gesagt: Hertigs eigenwillige Aus-Schnitte funktionieren in ihrem montierten Ensemble, gerade weil sich dieses von Nahem so radikal anders präsentiert als aus mittlerer oder grosser Betrachterdistanz, wie die ineinander geschichteten Ausschnitte einer filmischen Einstellungsabfolge: Detail-, Halbnah- und Totalaufnahmen leisten ja einen nicht minder spezifischen Beitrag zur Bildung von Symbolen, Kompositions­schemata und erzählerischer Übersicht. Unsere unwillkürlichen Hin- und Herbewe­gungen vor Hertigs Leinwand scheinen denn auch mit der psychischen Mobilität des Kinopublikums zu korrespondieren, wenn sich auf der Filmleinwand die Kategorien „Nähe“ und „Grösse“ so mühelos vertauschen wie die fotografisch-materiellen Substrate des Films mit dem rein Imaginären der Kino-Projektionen.

Es ist also tatsächlich nicht der unsichtbare Leim, der die Collage so abgründig-sinnfällig macht bei der kunstvollen Herstellung von Ähnlichkeit und Kontrast, sondern die Kollision ihrer Elemente entlang mehr oder weniger trennscharfer, doch letztlich sichtbarer Grenzlinien. Und dies ist seinerseits das zugleich trennende wie verbindende Element zur filmischen Montage, die von ihrem grossen Praktiker-Theoretiker Eisenstein als dynamisches Mit- und Gegeneinander von Attraktion und Abstossung, von Spaltung und Verschmelzung, von Ein- und Aussch(l)uss begriffen worden ist: So ist es auch nicht der Kitt, der die Macht der Filmmontage erklärt, sondern die – in sich unsichtbare – Berührung von zwei miteinander verklebten, doch niemals fugenlosen Filmstücken, sofern sie sorgfältig ausgewählt und kombiniert wurden. Kann sich in gleicher Weise Scrap zur Vision fügen wie Tagesreste zu Träumen? Sabine Hertig findet darauf souveräne Antworten.

Dr. Hansmartin Siegrist, Medienwissenschaftler Universität Basel

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------

widewall.ch | Online Magazine | Mai 2016

LATEST COLLAGES IN SABINE HERTIG EXHIBITION GIVE THE WORD SCRAP A NEW MEANING AT STAMPA GALLERY


The world, in the eyes of the artist Sabine Hertig, is a big montage of information. Seeing herself as a collector, Sabine Hertig, for her second solo exhibition Scrap continues with her practice of cutting and gluing different images that she finds and feels a connection with. Central to all her work is a need to describe and present, with the use of a collage technique, the everyday situations of a modern man. The artist’s work interprets the confusion and chaotic nature of the world around us, and comments on the overexposure and massive image production as a new landscape that is drowning and chaotic.

Landscape painting
The Romantic Movement in art intensified the existing interest in landscape art and as its prominent element made the wild and remote lands. The wild nature, the uncontrollable beauty, was an inspiration for many paintings and poetry of that time. What landscape, or better to ask, what land is presented in the latest collages of Sabine Hertig? Her landscape is formed with the images of grilled pieces of fish, crowds of people and withered flowers. Polar bears swim and appear from a collage of water and both men and animals hide behind the walls and thicket. These bizarre scenes move in an almost surreal way, the narrative element in the foreground, and produce a feeling of fragmentation that is also autonomous. At the heart of Hertig’s new collages are movement and a strange feeling of balance. All is set in motion, swirling up in a painterly manner to paint-like formations and architectural elements, while every confusing part seems to fit perfectly together. Also evident is the widening of images that Hertig uses for the production of her latest collage pieces, and we see the increasing use of imagery found in books on cooking and animals. The landscape that the artist confronts her audience with is both challenging and at the same time recognizable in the feeling of organized chaos that it reflects.

The Collage
The accumulation of a variety of media appears as a homogeneous imagery in Hertig’s work. In her previous monumental pieces, the use of paint and brush was evident and used as an additional element. In her latest pieces, on the other hand, the use of the brush is now a means of retouch or is not used at all. It is with the use of different images that Hertig suggests the color and the movement. This quality of her work shows that to the artist, collage is more than just an instrument, but a medium of descriptive thinking about the world that has become a montage of information itself. Hertig gives a unique interpretation of the collage technique that in return suggests an interpretation and symbolism to the fragmented world and a fragmented modern man.

Sabine Hertig Exhibition at Stampa Gallery
Continuation of her interest to the collage technique and the development of her landscape series, make up Sabine Hertig’s second solo exhibition Scrap at Stampa Gallery in Basel, lasting between April 5th and May 28th, 2016. Besides her usual colored, large- size works, Hertig, for this occasion, has produced a new body of work, Black and White collages, that are based on a precise composition and elaborated light guidance, that aims to subtly manipulate the observer’s view. Sabine Hertig’s celebrated collage works, comment upon our world and show the bizarre elements that make up all of our lives put together as a homogeneous image.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Radio SRF 2 | Sendung: Kontext | 23.04.2015


Landschaften aus Schnipseln


Seit Jahren sammelt die Basler Künstlerin Sabine Hertig Bildfetzen aus Zeitungen, Magazinen und dem
Internet. Die kleinen Schnipsel setzt sie dann zusammen zu oft monumentalen Landschaftsbildern. Für die
Künstlerin ist ein Zeitungsbild eine Art Farbfleck.
Karin Salm trifft Sabine Hertig in ihrer aktuellen Ausstellung im Kunstzeughaus in Rapperswil.


Karin Salm

Radio SRF 2 | Sendung: Kontext | 23.4.2015 | Landschaften aus Schnipseln http://www.srf.ch/sendungen/kontext/kuenste-im-gespraech-grenzgaengerinnen-in-theater-und-kunst

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Neue Zürcher Zeitung, 8.4.2015


Überraschende Welten


Zeitgenössische Collagen in Rapperswil-Jona: Die Schweizer Kunstschaffenden Sabine Hertig, Kyra Tabea Balderer und Reto Leibundgut interpretieren in ihrer Ausstellung im Kunstzeughaus das klassische Medium der Collage ungewöhnlich neu.



Rapperswil-Jona, 29 march – 19 july 2015

Ausstellung Rapperswil
Mehrperspektivisches Werk von Sabine Hertig: Ausschnitt, «Landscape Nr. 11», 2015 (Bild: Goran Basic / NZZ)

Tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen ihnen im Obergeschoss des Kunstzeughauses in Rapperswil-Jona zur Verfügung: Sabine Hertig, Kyra Tabea Balderer und Reto Leibundgut bespielen den Raum mit Werken, die sowohl Geschichten in Bildern erzählen als auch die Sammelleidenschaft und die Lust am Handwerk spüren lassen. Als künstlerische Methode der Moderne und der Postmoderne erhält die Collage hier eine eigenwillige Interpretation. Peter Stohler und seiner Assistenzkuratorin Nina Wolfensberger ist es gelungen, einen abwechslungsreichen Parcours einzurichten, der von üppigen Collagen aus Papier (Sabine Hertig) über abstrakte Fotoarbeiten (Kyra Tabea Balderer) bis zu Installationen, Wand- und Bodenarbeiten aus gefundenen Materialien (Reto Leibundgut) ein breit angelegtes Spektrum umfasst.(...)

(...)
Bildwelten aus Schnipseln
Auch Sabine Hertig, geboren 1982 in Basel, ist eine Sammlerin. Bildfetzen aus Zeitungen, Magazinen und Büchern, einzelne Objekte und Videoschnipsel klebt sie zu oft monumentalen, mit pastosen Pinselstrichen in Öl oder Acryl übermalten Bildwelten zusammen. Betrachtet man das dreiteilige Werk «Landscape 9» (2013) auf Distanz, wirkt die einheitsstiftende, optische Struktur der Arbeit wie Malerei, von nahem löst sie sich in einzelne Bildfetzen auf.

Für Sabine Hertig widerspiegelt das mehrperspektivische Moment in ihrem Werk die Alltagssituation des modernen Menschen, in der oft verschiedene Handlungen gleichzeitig erledigt werden. Zentral in den Collagen ist die Bewegung, das Eintauchen ins Bild. So scheint etwa die 320 mal 360 Zentimeter messende, aus sechs Tafeln bestehende Arbeit «Landscape 11» (2013–15) aus unzähligen wellenförmigen Strukturen zu bestehen, die einem Wirbelsturm gleich eine magische Sogwirkung entfalten.

Kleinformatige Serien in Schwarz-Weiss, zu einem Mix aus Architekturdetails, Landschaften, Menschengruppen, Städten und Plätzen verbunden, rücken in beinahe surrealer Art das erzählerische Moment in den Vordergrund. Die geklebten Fotoausschnitte werden mit ihren Bildkanten, den Licht- und Schattenflächen, so zusammengesetzt, dass die Schnittstellen kaum erkennbar sind. Alles – und sei es auch noch so verwirrend – scheint ineinander zu passen und entwickelt eine erstaunliche räumliche Tiefe.

Auszug aus dem NZZ-Bericht von Suzanne Kappeler

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Exhibition text

Sabine Hertig Landscapes


Solo exhibition at STAMPA Galerie Basel


Basel, 5 november, 2013 – 4 january 2014

Ausstellung Rapperswil
Ausstellungskarte "Sabine Hertig Landscapes" | STAMPA Galerie Basel | 2013/14

«Hier findet Welt statt!»

Ein «geklauter Pinguin ist wieder aufgetaucht», doch «munter zeigt sich nur Milchkuh Lovely». Vielleicht weil das Fracktier lediglich als «einsam in der Masse» anzusehen ist? Naja, «wenn Kartoffelpüree zur Delikatesse wird», ist auch dies verständlich. Ein entwendeter Pinguin und eine frohlockende Kuh bedeuten heutzutage lediglich «eine Träne für den Gentleman». Oder ist auch der Kavalier «abends allein zu Hause»? Gesichert ist, dass weder der Gentleman, der Pinguin, noch die Milchkuh «Gegenwind für drei Turbinen» darstellen, höchstens «eine hürdenreiche Flucht in Fusionen». Vorerst gehen wir aber «zurück zum aufrechten Gang», denn eine «zeitlose Idee tut sich schwer» und die Kunstwerke von Sabine Hertig sind einnehmender als «der linke Turm zu Babel». Denn bereits erste Klänge, welche die grossformatigen Arbeiten der Künstlerin aus der Ferne ankündigen, lassen erahnen, dass Hertigs Schöpfungen über die babylonische Sprachverwirrung hinausgehen.

Der Galerienbesucher ist bereits beim Betreten des Raumes mit einer ersten Frage konfrontiert: Wollen die Vogel- und Geigengeräusche, welche dem Werk «Landscape Nr. 9» entweichen etwa eine Ausstellung mit klassisch-romantischen Phantasielandschaften ankündigen? Oder stehen die Klänge, welche von der Künstlerin teilweise mit ihrer Geige imitiert wurden, als Metapher für traurige Darstellungen einer Grossstadt, welche die unberührte Natur verdrängt hat und als einzige Reminiszenz übriggeblieben ist? Sicher ist, dass Landschaften gezeigt werden - nennt sich der Werkzyklus doch «Landscapes». Nach der klassischen Definition haben wir es also mit ausschnitthaften Darstellungen aus dem von der Natur als auch von Menschenhand bestimmten Raum zu tun.

Die meist grossformatigen Werke Hertigs komponieren sich aus kombinierten Zeichen,welche präzise auf einen Bildträger gemalt, eingesetzt oder aufgeklebt sind: Von der Künstlerin zusammengetragene Zeitungsausschnitte, Bonbonbüchsen oder Youtube-Videos treffen auf bemalte Leinwand oder modellierte Miniaturlandschaften und ergeben ein scheinbares Ganzes. Aus der Ferne werden die kombinierten Elemente auf einer Ebene wahrgenommen: Die Akkumulation von unterschiedlichsten Medien, welche bereits ab geringer Distanz nicht mehr zu differenzieren sind, erscheinen als homogene Bildwelt. Der durch Form und Farbe definierte Raum scheint jedoch unbeständig, die optische Struktur erweckt das Gefühl einer stetigen Rotation. Nähert sich der Betrachtende schliesslich den Werken, dominiert plötzlich nicht mehr der sich öffnende Wolkenhimmel oder ein in sich zusammenstürzender Berg. Vielmehr entfalten sich unzählige provisorische Landschafts- und Lebensräume, die mit den Mitteln der klassischen Malerei und Zeichnung zusammengehalten werden.

Nachdem anfänglich scheinbar eine einzige Geschichte erzählt wird, kommen nach dem Distanzsprung unzählige, in sich abgeschlossene Erzählungen und Anekdoten zum Vorschein. Bereits aus der Distanz ist eine klassische Beschreibung des Begriffes «Landschaft» nicht aufrecht zu erhalten. Hertig gelingt es, den Begriff Landschaftsmalerei neu zu definieren. Die Werke verkörpern die Generation, aus welcher die Künstlerin entstammt. Grösstenteils ist diese in einem Umfeld von Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen, dank einfacher Reise- und Austauschmöglichkeiten wird die Welt als Gesamtheit wahrgenommen, als eine einzige globalisierte «Landschaft». Erst seit dem späten Mittelalter wurde der Begriff übrigens auf die bis heute übliche, rein lokalgeografische Bedeutung eingeengt. Vorher stand der Ausdruck für die Gesamtheit der Bewohner eines Landes, der später auf die ständische Versammlung einer Nation ausgedehnt wurde. Heute hat ihn die Künstlerin dank den Mitteln der Kunst auf die ganze Welt ausgedehnt.

Hertig kann verschiedenste Medien so selbstverständlich vereinen, dass sie nicht mehr einfach auseinandergehalten werden können: Auf engem Raum visualisiert sie das immense kollektive Bildergedächtnis der heutigen Zeit und im Übertragenen Sinn sogar das geordnete Wirrwar des Internets.Gleichzeitig erneuert sie den klassischen Malereibegriff. Für die Künstlerin ist «alles formbares Material»: Ein Zeitungsbild sei ein Farbfleck, ein Videobild ein sich bewegender Farbfleck.» «Alles kann ich gleichwertig für ein Bild nutzen», meint Hertig. Was sie tue sei nichts anderes als malen.

Nach dieser audio-visuellen Informationsflut sehnt man sich nach einer Pause. Tun wirs den Hunden auf «Landscape Nr.9» gleich: Das Wälzen bei den Kötern sieht die Künstlerin als endlosen Entspannungsakt, als Kontrast zum übrigen Dargestellten, welches provisorisch und in Bewegung erscheint. Die Hunde haben Bodenhaftung, sind geerdet und vollziehen immer denselben Akt. Sie bilden innerhalb des Bildes eine Gruppe, die sich in demselben «Weltraum» befindet.

Nach einem Moment der Reflexion ist aber auch die aktive Beteiligung des Betrachtenden gefragt. Auf «Landscape Nr. 8» hat Hertig zwölf sogenannte QR-Codes in das Bild integriert, welche mit einer entsprechenden Mobiltelefon-Applikation (zum Beispiel «Quick Scan») entziffert werden können und insgesamt zwölf Zeitungsheadlines offenbaren, die von Hertig 1:1 aus der Zeitung übernommen wurden. Wundern Sie sich also nicht, wenn sich nach der schrittweisen Entschlüsselung herausstellt, dass die «Milchkuh Lovely» und der «geklaute Pinguin» vielleicht auch Drohungen ausstossen:
«Macht keine Fehler oder wir schreiben Euch zu Brei!»

Text: Christian Herren